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Netzer zum 70.: "Ich werde nie erwachsen" :: DFB

Weltmeister, Europameister, Deutscher Meister, Deutschlands Fußballer des Jahres. Die Liste der Titel, die Günter Netzer während seiner Zeit als aktiver Spieler sammeln konnte ist lang. Heute feiert der ehemalige Nationalspieler seinen 70. Geburtstag. "Ich habe das richtige Tempo für mein Leben gewählt. Das kann nicht der absolute Ruhestand sein" resümiert der einstige Gladbacher Mittelfeldakteur sein derzeitiges Leben. Pünktlich zum 70. Geburtstag spricht der SID mit Netzer über sein aktuelles Tätigkeitsfeld und seine zurückliegenden Erfolge im nationalen und internationalen Fußball, sowohl als Spieler, als auch als Funktionär.

Frage: Günter Theodor Netzer, wo stammt eigentlich Ihr Zweitname her?

Günter Netzer (lacht): Gut recherchiert. Von meinem Paten-Onkel.

Frage: Eines der ersten Bücher über Sie hieß 'Rebell am Ball'. Heute sind Sie noch am Ball, aber Rebell?

Netzer: Na ja, das lässt sich im Rückblick sportlich interpretieren. Politisch war ich nie ein Rebell. Ich habe nie, wie Paul Breitner, die Mao-Bibel in der Hand gehalten. Ich habe allerdings mit Hennes Weisweiler, meinem Trainer, bei Mönchengladbach gestritten, das ja. Was das 'am Ball' betrifft: Ich habe meine Anteile an Infront verkauft, mir aber die Infrastruktur erhalten.

Frage: Das heißt?

Netzer: Die Firma kann meine Kontakte nutzen. Ich gehe rein, wann ich will, und gehe vor allem raus, wann ich will. Es ist eine wunderbare Aufgabe, und sie entspannt mich auch.

Frage: Sie haben vor zehn Jahren zu Ihrem 60. Geburtstag eine Biografie geschrieben: "Aus der Tiefe des Raums - mein Leben". Würden Sie zehn Jahre später den Titel erneut so wählen?

Netzer: Auf alle Fälle. Der Journalist, der diese Begrifflichkeit erfunden hat - ich glaube, er war bei der Zeit und später bei der FAZ -, hat ja nicht geahnt, wie sehr er meinen Kern getroffen hat. Da geht es ja nicht nur um meine Art, Fußball gespielt zu haben, sondern auch um mein Leben.

Frage: Am Ball sind Sie im übertragenen Sinne immer noch. Auch mit bald 70 kennen Sie den Ruhestand nicht.

Netzer: Ich habe das richtige Tempo für mein Leben gewählt. Das kann nicht der absolute Ruhestand sein. Egal, welches Alter es werden wird, das wird es nie geben. Ich muss immer etwas zu tun haben, woran ich Spaß habe. Das steht über allem. Zufrieden zu sein, ist das Allerwichtigste, nicht die Bedeutung, die die Dinge haben. Heute habe ich die Freiheit, meine Lebenseinstellung leben zu können.

Frage: Geschäftsmann sind Sie ja schon sehr früh geworden.

Netzer: Ich bin stolz auf mich, den Weg, den ich gehen durfte, mir überwiegend selbst bereitet, erarbeitet zu haben, nicht erkämpft. Die Ellbogen zu benutzen, war mir auf dem Platz und im Geschäftsleben zu dumm. Im Übrigen bin ich früh Geschäftsmann geworden, weil ich aus der Not eine Tugend gemacht habe, denn Gladbach konnte mich nicht mehr bezahlen. So musste ich mir mein Geld selber verdienen.

Frage: Und dann wurden Sie Herausgeber der Stadionzeitschrift 'Fohlenecho', die heute noch existiert.

Netzer: Genau. Ist auch schön. Der Höhepunkt war der Kauf der Diskothek 'Lovers Lane' 1971. Ich habe Weisweiler zwei Tage vor der Eröffnung informiert. 'Das ist das Ende', hat er gestöhnt. Der hat gedacht, ich stehe um zwei Uhr nachts noch hinter der Theke. Die Leute haben mich eben nicht gekannt - ich mich schon. Für mich hatte Fußball zu spielen höchste Priorität. Natürlich hat es Abweichungen gegeben und Unvernunft, eine gehörige Portion. Das gehört immer noch zu meinem Leben. Ist aber so. Ich werde nie erwachsen, und das will ich auch gar nicht.

Frage: Sie wollten nach ihrer aktiven Laufbahn das Stadion-Magazin des Hamburger SV herausgeben und durften dies nur, wenn Sie auch Manager des Klubs würden. Dann haben Sie Branko Zebec und Ernst Happel verpflichtet, Franz Beckenbauer als Spieler aus den USA zurückgeholt, 1983 den Europapokal der Landesmeister gewonnen.

Netzer: Ich habe den Begriff Manager immer abgelehnt. Das wäre eine Abwertung aller wirklichen Manager in Deutschland und auf der Welt, die das gelernt und studiert haben. Ich war ein Fußball-Manager, weil ich glaubte, einen Verein sportlich führen zu können. Nicht mehr, nicht weniger. Das traute ich mir zu. Und dann muss ich Ihnen noch eins verraten...

Frage: Jetzt sind wir gespannt.

Netzer: Ich kann sehr, sehr gut delegieren; das hat damit zu tun, dass ich am liebsten faul bin. Es ist eine große Kunst, bessere Menschen um sich haben.

Frage: Ach, deshalb haben Sie in Mönchengladbach immer Herbert Wimmer auf die Reise geschickt, der ihre Pässe aus der Tiefe des Raums erlaufen hat!

Netzer: Sehen Sie, das ist genau der Punkt. Den Freigeist zu haben, bessere Menschen um mich zu sammeln als ich. Im Fußball, im Geschäftsleben.

Frage: Es gibt aktuell Nationalspieler, die nach zehn Jahren zurückgetreten sind und über 100 Länderspiele haben. Sie haben es in zehn Jahren nur auf 37 gebracht. Wie erklären Sie das mit dem milden Blick des Alters?

Netzer: Ich habe schon zu meiner aktiven Zeit nie behauptet, ein großer Nationalspieler zu sein, außer in diesen anderthalb Jahren, wo es uns gelungen ist, einen Fußball zu spielen, den man bis dahin nie gesehen hatte. Das war wirklich hervorragend und das war meine Zeit in der Nationalelf.

Frage: Sie sprechen von dem 3:1-Sieg 1972 in Wembley, dem ersten in England und dem anschließenden Gewinn des Europameistertitels. Bei der Weltmeisterschaft 1974, die Sie auch gewonnen haben, waren Sie dann - pardon - nur noch Ersatzspieler.

Netzer: Ja. Ich habe immer gesagt, Wolfgang Overath ist der bessere Nationalspieler, weil er diese Nationalmannschaft verinnerlicht hatte. Ich hatte Borussia Mönchengladbach verinnerlicht. Das war für mich die größte Freude, praktizieren zu können, was wir uns Schritt für Schritt erarbeitet haben. Mit einem großartigen Trainer, der uns geführt hat. Das hat mich viel, viel mehr gereizt. International gesehen eine völlig falsche Entscheidung.

Frage: Weshalb?

Netzer: Die Nationalmannschaft ist das Aushängeschild, da macht man sich weltweit bekannt. Das war mit einem Verein wie Borussia nicht zu erreichen, trotz eines 7:1 gegen Inter Mailand, trotz des Endspiels gegen Liverpool im Europapokal der Landesmeister. Aber das hat für mich keine Bedeutung gehabt. Aber die Nationalmannschaft war nicht mein erklärtes Ziel, nicht mein Streben. Ich war, so seltsam das klingen mag, nie besessen davon, in der Nationalelf eine große Rolle zu spielen. Diesen verbissenen Ehrgeiz habe ich nie gehabt. Der Wolfgang Overath war da ganz, ganz anders, der war der geborene Nationalspieler, natürlich mit großartigen Fähigkeiten auch. Ich habe meine Freude immer im Verein gesucht, und da war ich der Bessere.

Frage: Auch wenn es Sie langweilt, weil die Platte schon einen Sprung hat, über eins müssen wir noch reden. Ihr Siegtreffer in der Verlängerung im Pokalfinale 1973 gegen Köln.

Netzer: Da war ja alles falsch. Ich habe mich zur Verlängerung quasi selber eingewechselt - eine Unerhörtheit. Ich war als exzellenter Freistoßschütze bekannt, und dann verunglückt mir ein Schuss derart, wie ich es selten erlebt habe... und geht rein! Wir sind ferngesteuert. Das Leben ist ferngesteuert. Da ist etwas gut ausgegangen, was nicht gut ausgehen konnte. Das war ein Wahnsinn, den ich bis heute noch nicht begriffen habe.

Frage: Ferngesteuert. Sind Sie gläubig?

Netzer: Ja, ich bin gläubig. [sid]

Authors: DFB

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